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Abdruck in der Zeitschrift Wohnung + Gesundheit, Fachzeitschrift für ökologisches Bauen und Leben, Sommer 2006

Ingrid Scherrmann

Duft- und Riechstoffe – Ein Innenraumproblem

Riech- und Duftstoffe sind Substanzen, die man einem Produkt beigibt, um es zu parfümieren, um den Geruch anderer Komponenten zu überdecken, oder um auf Stimmungen und Gefühle einzuwirken. 80-90 % der über 3000 Substanzen, die in Duftstoffen Verwendung finden, sind synthetisch hergestellt, meist aus Erdölderivaten. Meistens kommen Gemische zum Einsatz. So besteht, z. B. ein bestimmtes Markenparfüm aus 181 Einzelsubstanzen.

Duftstoffe sind aber nicht nur Parfüms, sondern in vielen weiteren Haushaltsprodukten enthalten, wie Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmittel, Duftölen, Duftbäumchen, Duftlampen, Duftkerzen. Darüber hinaus sind sie Bestandteil in Lebensmittel, Arzneimitteln, in Farben und Lacken, in Erdgas und Erdöl und vielen weiteren Produkten unserer Umgebung. In jüngster Zeit werden Duftstoffe auch gezielt in der Raumbeduftung im Sinne eines Duft-Marketings eingesetzt.

Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass die Beduftung der Umwelt immer größere Ausmaße annimmt. Deshalb stellt sich die dringende Frage nach dem gesundheitsschädlichen Potential dieser Substanzen.

Im deutschsprachigen Raum werden im allgemeinen nur Befindlichkeitsstörungen und Kontaktallergien im Zusammenhang mit Duftstoffkomponenten diskutiert.

Beim Durchforsten der internationalen Literatur ergeben sich jedoch weitergehende Erkenntnisse. So finden sich z. B. auf der amerikanischen Datenbank Pubmed über 800 Einträge zu Gesundheitseffekten einzelner Substanzen. Es finden sich Hinweise, dass Fieber, Kopfschmerzen, Asthma, Schwindel, Herzbeschwerden, Krebs, anaphylaktischer Schock, neurologische Dysfunktionen sowie zahlreiche weiterer Beschwerden und Krankheiten in Zusammenhang mit einzelnen Duftstoffkomponenten stehen können. Auch Geburts- und Genschädigungen werden vermehrt im Zusammenhang mit Duftstoffwirkungen diskutiert.

Obwohl vor allem Akut- und nur selten Langzeiteffekte,  i. a. von Einzelsubstanzen, untersucht wurden, und synergistische Effekte der Duftstoffgemische dabei noch weitgehend außer Acht gelassen werden, verdichtet sich die Erkenntnis, dass Duft- und Riechstoffe einen nicht unwesentlichen Anteil am Krankheitsgeschehen einnehmen.

Die Ergebnisse dieser Forschungen stehen dem Geschäftsinteresse der Hersteller entgegen. Da industrieunabhängige Forschung immer rarer wird, bleiben diese Erkenntnisse weitgehend unsichtbar und finden weder in der medizinischen Mainstreamforschung noch in behördlichen Regularien einen adäquaten Niederschlag.

Auch in Kanada  und USA beteiligen sich die Behörden an dem Aufklärungsprozess wenig. Doch durch die Aktivitäten und Bürgerinitiativen nimmt die Aufklärung über die gesundheitsschädlichen Wirkungen von Duftstoffkomponenten dort stetig zu. Das Einfordern von Prävention – ähnlich wie im Bereich des Tabakkonsums – nimmt dabei eine zentrale Rolle ein.  Als Folge der Aufklärungsarbeit dieser Initiativen gibt es vermehrt duftstofffreie Zonen in Schulen, Universitäten, Kirchen, Krankenhäusern, Hotels, Restaurants, öffentlichen Gebäuden etc.. Mancherorts werden ganze Schulen und Universitätsgebäude analog zur tabakfreien auch zur duftstofffreien Zone erklärt, besonders dann, wenn der Zusammenhang auffällig bei Kindern mit Asthma zu erkennen ist.

Auch in Europa gibt es Kranke, die inzwischen durch die Informationen aus Nordamerika wissen, dass Duftstoffe heftige Reaktionen auslösen können. Doch in Europa wird den Problemen, die durch Duftstoffe verursachte werden, von Seiten der Medizin, der Politik, der Behörden, der Medien und der Bürgerinitiativen viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Häufig ist nicht einmal ein kritisches Bewusstsein vorhanden, Nur vereinzelt leisten u. a. Verbraucherschutzorganisationen und die Fachzeitschrift „Ökotest“ Aufklärung mit Informationen über duftstoffarme und duftstofffreie Produkte. Dass den Herstellern ds Problem bekannt ist, wird dadurch ersichtlich, dass zunehmend duftstofffreie Produkte auf den Markt kommen und einige firmen diese Produkte als wachsendes Marktpotential erkannt haben.

Meiner Erfahrung nach liegt speziell in Deutschland ein Teil des Problems auch darin, dass – analog zum Rauchen  - dem Prinzip der Freiwilligkeit, gekoppelt mit dem Prinzip der individuellen Freiheit höhere Priorität eingeräumt wird als der körperlichen Unversehrtheit der Mitmenschen. Die Duftstoffmoleküle machen nicht Halt vor dem Gegenüber. Die Freiheit des einen kann also gleichzeitig Schmerzen, Krankheit, Beeinträchtigungen des anderen  bedeuten. Diese individuelle Freiheit führt in vielen Fällen dazu, sich auch selbst gesundheitliche Schädigungen zuzufügen. Wie beim Rauchen ist auch hier Einsicht und vor allem Rücksichtsnahme vonnöten.

Nun stellt sich die Frage, in wie weit Baubiologen durch die Duftstoffproblematik tangiert werden bzw. sich tangieren lassen. Da es ein Anliegen der Baubiologie ist, dass schadstoffarme Wohnungen und Häuser gebaut werden und dass die Luft in diesen Wohnungen schadstoffarm bleibt,, also nicht durch Tabak und Duftstoffe verunreinigt wird, kann sie eine Vorreiterrolle bei der Aufklärungsarbeit einnehmen und die Diskussion über die Problematik von  Duft- und Riechstoffen im Innenraum in Gang bringen.

 
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