|
Suche
Home International
home English
home deutsch
Home Nach oben
contact:
info@safer-world.org
| |
vom bgvv - Pressedienst
Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und
Veterinärmedizin
Thielallee 88 - 92, D - 14195 Berlin, Telefon: 01888/412-4300, Telefax:
01888/412-4970 Presserechtlich verantwortlich: Dr. Irene Lukassowitz
32/2001
8.
Oktober 2001
Kinder müssen bei der Risikobewertung von Chemikalien besonders
berücksichtigt werden!
Kinder können beim Abschätzen des Risikos, das von Agrar- und
Haushaltschemikalien in Pflanzenschutzmitteln,
Schädlingsbekämpfungsmitteln, Haushaltsreinigern etc. ausgeht, nicht als
"kleine Erwachsene" betrachtet werden. Bei seinen Empfehlungen zu
Schädlingsbekämpfung- und Pflanzenschutzmitteln hat das BgVV deshalb
bereits seit einiger Zeit Kinder als die empfindlichste
Verbrauchergruppe berücksichtigt, um möglichst hohe Standards beim
Verbraucherschutz zu erreichen. Dies hat sich zum Beispiel in den
Rückstandshöchstwerten der Lebensmittel für Säuglinge und Kleinkinder
nach §14 der Diätverordnung niedergeschlagen.
Um die Risiken für Kinder abzuschätzen, ist zu berücksichtigen, dass
sich die Kapazität des kindlichen Organismus, Stoffe auszuscheiden,
altersabhängig ändert. Gesondert berücksichtigt werden muss auch, dass
sich die kindlichen Organe von der Geburt bis zum Abschluss der Pubertät
entwickeln. Als dritte charakteristische Unterscheidung müssen bestimmte
kindliche Verhaltensweisen und -muster beachtet werden, von denen
angenommen wird, dass sie die Aufnahme von Stoffen beeinflussen. Ob sich
aus einer solchen differenzierten Bewertung immer ein höheres Risiko für
das Kind ergibt, kann heute nicht endgültig beantwortet werden. So
lautet das Ergebnis des Workshops "Exposure of Children to Pesticides",
der vom 27.-29. September 2001 vom Bundesinstitut für gesundheitlichen
Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, BgVV, im Rahmen des
Aktionsprogramms "Umwelt und Gesundheit veranstaltet wurde.
Der kindliche Körper reagiert nicht immer empfindlicher als der von
Erwachsenen. Wie jeder Kinderarzt weiß, müssen Arzneimittel für kleine
Patienten im Alter zwischen einem und etwa sechs Jahren höher dosiert
werden als für Erwachsene. Dies beruht darauf, dass der kindliche
Organismus diese Stoffe schneller eliminiert. Das gilt vermutlich auch
für Chemikalien, die auf die gleiche Weise abgebaut und ausgeschieden
werden. Gleichzeitig nehmen Kinder bei gleicher Ausgangsbelastung von
z.B. Umwelt und Lebensmitteln aber größere Mengen an chemischen Stoffen
auf als Erwachsene. So ist z.B. die Oberfläche der Haut im Verhältnis
zum Gesamtkörper fast dreimal größer als die des Erwachsenen. Daraus
resultiert eine höhere Gesamtbelastung des kindlichen Körpers bei der
Aufnahme von Stoffen über die Haut. Noch größer sind die Unterschiede
bei Stoffen, die über die Lungen aufgenommen werden. Kinder haben eine
bis zu 60 mal höhere Ventilationsrate je Quadratmeter Lungenoberfläche,
was bei der im Verhältnis zum Körpergewicht größeren Lungenoberfläche
besonders zu Buche schlägt.
Auch die toxischen Effekte, die von Chemikalien ausgehen, müssen
differenziert betrachtet werden. Bei der Abschätzung des
gesundheitlichen Risikos muss sehr genau nach Stoffen und dem Zielorgan
unterschieden werden, an dem sich die toxische Wirkung manifestiert. Ein
weiterer wichtiger Faktor ist das Alter: Neugeborene, Säuglinge, Kinder
im Kindergartenalter und Jugendliche müssen differenziert betrachtet
werden, weil sich z.B. die Organe im Laufe des Kindesalters
unterschiedlich schnell und in verschiedenen Phasen entwickeln. Werden
das Gehirn oder die Geschlechtsorgane in einer solchen kritischen Phase
beeinflusst, kann es zu irreversiblen Schäden kommen. Da das Ausmaß der
Einflüsse von Substanzen heute nicht sicher abgeschätzt werden kann,
geht man aus Vorsorgegründen von einer höheren Empfindlichkeit von
Kindern aus. Dies gilt insbesondere für die toxikologisch besonders
bedeutsame Gruppe der Pestizide, zu denen Stoffe wie Organophosphate,
Pyrethroide und andere Schädlingsbekämpfungsmittel gehören. Zielorgan
dieser Stoffe und Produkte ist bei den Insekten und folglich auch beim
Menschen das Nervensystem.
Darüber hinaus haben Beobachtungsstudien amerikanischer Wissenschaftler
ergeben, dass das Verhalten besonders bei Kindern im Krabbel- und
Kindergartenalter die Aufnahme von Stoffen beeinflusst. Vor allem beim
Spielen werden zusätzlich Stoffe über die Kontamination der Finger
aufgenommen, die dann in den Mund gesteckt werden, aber auch über
kontaminiertes Spielzeug und andere Gegenstände. Kinder nehmen deshalb
vermutlich wesentlich mehr Stoffe über den Mund und damit über den Darm
auf als Erwachsene. Als wahrscheinliche Aufnahmequelle von Pestiziden
wird neben der Nahrung vor allem kontaminierter Hausstaub angesehen, da
das Ausbringen von Schädlingsbekämpfungsmitteln im Haus zu einer
Belastung des Hausstaubes führen kann. Besondere Vorsicht ist geboten,
wenn Haustiere wie Hunde oder Katzen gegen Ungeziefer behandelt worden
sind. Alle diese Quellen führen über "mouthing behaviour" zu einer
erhöhten Belastung.
Um das von Pestiziden und anderen Chemikalien ausgehende gesundheitliche
Risiko für Kinder realistisch abschätzen zu können, müssen für einzelne
Produkte und Produktklassen (wie Holzschutzmittel,
Schädlingsbekämpfungsmittel, Pflanzenschutzmittel und
Haushaltschemikalien) komplexe Expositionsmodelle entwickelt werden.
Daten aus Biomonitoring-Studien können herangezogen werden, um derartige
Schätzungen empirisch abzusichern. Da bisher nur sehr unvollständige und
unsichere Daten verfügbar sind, geht man aus Vorsorgegründen
grundsätzlich vom ungünstigsten Fall aus (worst case scenario). Daneben
werden aber für die Schätzungen auch Verfahren entwickelt, die die
gesamte Bandbreite der Variabilität und die Datenunsicherheit mit
einbeziehen (probabilistische Schätzung). Diese Verfahren lassen dann
auch Differenzierungen zwischen einzelnen Risikogruppen zu. Das BgVV hat
diese Unsicherheiten bei der Prüfung des gesundheitlichen Risikos von
Pestiziden bereits in der Vergangenheit berücksichtigt, soweit die
vorliegende Datenlage das erlaubte.
Die wesentlichen Gründe, Risiken für Kinder gesondert abzuschätzen,
ergeben sich demnach aus der Tatsache, dass die reale Belastung, die
sogenannte Exposition, beim Kind anders ist und mit geringerer
Sicherheit geschätzt werden kann als beim Erwachsenen. Derzeit ist noch
offen, ob bei der Abschätzung von Risiken, die von Pestiziden und
anderen Stoffen ausgehen, künftig ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor für
Kinder eingeführt werden muss, wie es in den Vereinigten Staaten bereits
praktiziert wird.
|